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Wie gemeinsames Menschsein hilft, Schmerz zu überwinden

Der Gedanke, dass alle Menschen leiden, tröstet uns nicht, wenn wir ihn als Vergleich oder Relativierung verstehen. Gemeinsames Menschsein wirkt erst dann heilend, wenn du dein Leid nicht bewertest, sondern als universelle menschliche Erfahrung erkennst – ohne dein individuelles Erleben zu verkleinern. Viele Menschen fühlen sich deshalb schuldig oder in ihrem Leid nicht gesehen, wenn sie hören: „Andere leiden auch.“ Dieses Unbehagen ist ein Hinweis auf ein tiefes Missverständnis dessen, was gemeinsames Menschsein wirklich bedeutet.

Warum tröstet es mich nicht, dass andere auch leiden?

Gemeinsames Menschsein (engl. common humanity) bezieht sich auf das Bewusstsein, dass leidvolle Momente zum menschlichen Leben dazugehören – genau wie schöne. Es ist eine von drei Komponenten des Selbstmitgefühls (engl. self-compassion) nach Kristin Neff. Ein mitfühlender Umgang mit dir, wenn es dir schlecht geht, bedeutet, dass du zuerst verständnisvoll anerkennst, dass es dir schlecht geht und dann wohlwollend mit dir umgehst. Erkennst du dies verständnisvoll an und gehst dann wohlwollend und weise mit dir um.

Gemeinsames Menschsein ist kein Kunstfehler, sondern Teil des Designs des Menschseins. Es ist das Bewusstsein von Verbundenheit im Leiden, da es jeder Mensch erlebt – egal, wie sehr wir es voreinander verstecken mögen. Es bietet uns ein unfassbares Potenzial an Trost, Vertrauen ins Leben und Verbundenheit, das ich dich einlade anzuzapfen.

Jetzt könntest du zu Recht fragen:

„Was ist denn daran bitte tröstlich? Der Gedanke an das Leid anderer Menschen lenkt mich von mir ab, dabei wollte ich mich doch mal nur auf mich konzentrieren.

Außerdem habe ich jetzt das Gefühl, dass ich übertreibe und mich nicht so haben sollte, denn meine Situation ist ja gar nicht so schlimm wie das Leid von so vielen anderen Menschen auf der Welt.“

Und genau jetzt steigen die meisten von uns logischerweise aus, denn es macht uns Schuldgefühle oder sogar wütend!

Wieso verstehen wir dieses gemeinsame Menschsein so leicht falsch?

In der buddhistischen Lehre über Mitgefühl finden wir diesen Aspekt wieder: die Universalität des Leidens erkennen. Unser westlicher Geist hat es jedoch schwer mit diesen östlichen Lehren, denn wir neigen dazu, uns als getrennt voneinander und im Wettbewerb miteinander zu sehen – nicht universell in Wohlwollen verbunden. Das führt dazu, dass wir Aussagen über geteiltes Leid durch unseren Entweder-oder-Filter hören:

Entweder mein Leid oder dein Leid verdient Mitgefühl – nicht beides.

Wir vergleichen die Größe des Leids und bewerten, wer Mitgefühl verdient hat, sodass es nur einen Gewinner und viele Verlierer gibt, die leer ausgehen.

Dieser Filter verzerrt die ursprüngliche Bedeutung zutiefst.

Was bedeutet gemeinsames Menschsein ausdrücklich nicht?

Gemeinsames Menschsein ist nicht:

  • gleichmachend:
    „Da jeder leidet, hast du kein Recht, in deinem individuellen Leid gesehen zu werden.“
  • vergleichend:
    „Nur wer genug leidet, verdient Mitgefühl.“
  • entwertend:
    „Dein Leid ist unwichtig, weil es andere gibt, die mehr leiden als du.“
  • unterwürfig:
    „Ich muss anderen alles verzeihen und alle Grenzen aufgeben, weil sie auch leiden.“

Warum vergleichen wir Leid – und warum verstärkt das unser Leiden?

Leidvergleich entspringt häufig einem westlich geprägten Leistungs- und Wettbewerbsdenken.
Wir bewerten selbst Mitgefühl nach Verdienstgraden.

Dieses Vergleichen:

  • verstärkt Scham
  • verstärkt Isolation
  • verhindert echte Verbundenheit

Ironischerweise erzeugt es genau das Gegenteil dessen, was gemeinsames Menschsein bewirken soll.

Was bedeutet „gemeinsames Menschsein“ wirklich?

Gemeinsames Menschsein bezeichnet das Bewusstsein,
dass leidvolle Erfahrungen unvermeidlich zum menschlichen Leben gehören – genauso wie Freude, Liebe und Verbundenheit.

Es ist:

  • kein Vergleich
  • keine Relativierung
  • keine Bewertung von Leid

Sondern das Anerkennen eines Fakts des Menschseins:

Niemand ist vom Erleben von Verlust, Krankheit, Angst oder Schmerz ausgenommen.

Gemeinsames Menschsein ist also ein Bewusstsein dafür,

  • dass das Leben nicht perfekt und linear abläuft, egal wie sehr wir uns bemühen, es zu kontrollieren.
  • dass wir alle Leid und Freude erleben, auch wenn ich nie erfahren kann, wie es sich für dich anfühlt und umgekehrt.
  • dass wir alle diese universellen menschlichen Erfahrungen teilen und sie auf einzigartige Weise erleben.
  • dass eine reife Verbundenheit in unserer Verletzlichkeit uns alle stärken kann.

Wie kann gemeinsames Menschsein konkret erfahren werden?

Gemeinsames Menschsein ist nicht nur ein Gedanke, sondern eine verkörperte Erfahrung von Verbundenheit.

Eine einfache Praxis:

Denke an einen Menschen, der dieselbe Schwierigkeit erlebt wie du.
Spüre das stille „Ich auch“ zwischen euch.

Wenn dir diese Vorstellung allein nicht hilft, dann
braucht es oft geteilte Erfahrungsräume wie in meinen Gruppenkursen oder anderen Gruppen, in denen Menschsein unmittelbar erlebt wird. Die Illusion, dass andere nicht leiden und deren Leben perfekt läuft, nur deins nicht, kann so mächtig sein, dass wir sie nur durchbrechen, wenn du von einem echten Menschen live hörst, dass er oder sie auch schwierige Zeiten erlebt.

Gemeinsames Menschsein ist unter anderem ein Bewusstsein für:

  • die Vergänglichkeit und Fragilität des menschlichen Körpers
  • die Existenz von unvermeidbarem Leid im Leben wie Tod und Verlust
  • die Unvorhersehbarkeit von Leid
  • die Akzeptanz der Existenz von unverschuldetem Leid
  • die Unvollkommenheit des Lebens durch Leid
  • die Verbundenheit mit allen anderen Menschen in allen Aspekten des Menschseins, insbesondere im unvermeidbaren Leid

Gemeinsames Menschsein lädt uns also ein, gleich zwei neue Blickwinkel einzunehmen: ein Bewusstsein für unser Menschsein und ein Gefühl der Verbundenheit in unserem Menschsein.

Zentral dabei ist, dass wir unser Menschsein begreifen. Was bedeutet Menschsein eigentlich? Es bedeutet, kein Tier zu sein, denn wir haben Sprache, Kunst, Kultur, Spiritualität, Imagination, Reflexion und noch vieles mehr, was uns klar unterscheidet. Es bedeutet aber auch nicht, eine unbeseelte, intelligente Maschine zu sein – auch wenn dir viele Personen im Alltag so erscheinen mögen.

Eine Gesellschaft, die Emotionen aus Unwissen abwertet und emotionsfreie kognitive Leistungsfähigkeit wertschätzt, fördert damit ein durchoptimiertes, maschinenähnliches Menschenbild anstelle eines menschlichen Menschenbildes. Und genau da liegt unser Problem: Wir vergleichen uns mit Maschinen, die uns kognitiv haushoch überlegen sind, und verlieren den Bezug zu dem Schatz, den das Menschliche im Menschsein birgt. Wir laufen Gefahr, das Einzigartige an uns Menschen zu verlieren, bevor wir uns dessen wirklich bewusst geworden sind.

Wenn wir Maschinen, die unfassbar schnell lernen und rechnen können, vermenschlichen und idealisieren, spiegelt uns das die eng gesteckten Werte der Leistungsgesellschaft wider, die einen Großteil des Menschseins ausgeklammert hat. Denken und Rechnen sind nachweislich nicht die Stärken unseres emotionsgesteuerten Fleischcomputers, weshalb wir uns davon leicht beeindrucken lassen.

Spätestens wenn das Rechenzentrum einen Stromausfall hat und wir wieder auf uns gestellt sind, haben wir die Chance, all das einzigartig Menschliche an uns wiederzuentdecken. Was ist das? Liebe, Mitgefühl, Freude, Intuition, Imagination, Kreativität, körperliche Sinnlichkeit und Sexualität, Spiritualität, Ekstase, Ehrfurcht und noch viel mehr.

Mitgefühl entsteht aus dem Bewusstsein für Leid, das wiederum dadurch entsteht, dass wir in einem menschlichen Körper leben, der vergänglich ist. Freude entsteht aus dem unmittelbaren Erleben von Genuss über unsere Haut, Augen, Ohren, Mund und Nase. Liebe entsteht durch Wohlwollen für ein anderes Lebewesen sowie durch liebende Verbundenheit und Vereinigung mit einem Geliebten. Aus all diesen Erfahrungen in einem menschlichen Körper mit Herz und Seele formt sich tiefes Wissen und Weisheit. Mit „menschlich“ meinen wir auch einen würdigen Umgang miteinander und tiefen Respekt für menschliches Leben.

Ein weiterer Grund, warum viele das Menschliche abwerten und Maschinenhaftes anstreben, ist die Intoleranz gegenüber Fehlern. Wir wollen perfekt sein und halten es schwer aus, Fehler zu machen, denn wir schämen uns dafür. Dabei sind Fehler oft der Ursprung neuer Entdeckungen. So entstand Penicillin aus einer verschimmelten Petrischale, die Alexander Fleming vor den Sommerferien zu reinigen vergaß.

Was wäre, wenn es zwecklos wäre, zu versuchen, Fehler zu vermeiden, und stattdessen erstrebenswert, dein Selbstmitgefühl – und damit auch deine persönliche Verantwortung – zu stärken? Dann könntest du dir selbst vergeben, wenn du einen Fehler machst, genau hinschauen, was dazu geführt hat, Verantwortung übernehmen und wirklich zu einem weiseren Menschen werden.

Dieser „Fehler“ lädt dich nicht ein, eine perfekte Maschine zu werden, die vergeblich versucht, nie wieder einen Fehler zu machen, sondern dich mit deinem Menschsein anzufreunden und darin zu wachsen. Dieses Bewusstsein für unsere menschliche Fehlbarkeit holt uns aus der Schamtrance heraus und bringt Empathie für uns selbst und für andere zurück. Wir können nachvollziehen, warum wir so gehandelt haben, und uns besser in uns selbst und in andere hineinversetzen. Und schon haben wir das unausgeschöpfte Potenzial kognitiver Empathie angezapft, das uns endlose Weisheit ermöglicht.

Menschsein bedeutet für mich:

  • einen vergänglichen Körper zu haben und in der Auseinandersetzung damit weise Sichtweisen auf die Sinnlichkeit und das Leben zu entwickeln
  • Emotionen zu erleben und sie mit anderen zu teilen
  • Fehler zu machen und mir und anderen zu vergeben
  • Mitgefühl, Liebe, Freude, Trauer, Sehnsucht, Ehrfurcht und Dankbarkeit zu empfinden

Eine Gesellschaft, die emotionsfreie Leistung idealisiert, fördert ein maschinenähnliches Menschenbild. Doch das zutiefst Menschliche liegt gerade in: Liebe, Mitgefühl, Intuition, Kreativität, Sinnlichkeit und Weisheit. Wenn du das an dir mehr wahrnimmst und wertschätzt, wirst du nicht nur menschlicher, sondern auch mitmenschlicher und dadurch mitfühlender mit dir.

Häufige Fragen zum gemeinsamen Menschsein

  1. Ist es falsch, mein Leid ernst zu nehmen, wenn andere mehr leiden?
    Nein. Leid ist keine Rangliste. Dein Erleben verdient Mitgefühl unabhängig vom Leid anderer und unabhängig davon, wie groß oder klein es ist, denn es tut dir weh.
  2. Warum macht mich der Gedanke an universelles Leid manchmal wütend?
    Weil alte Erfahrungen von Entwertung oder Nicht-gesehen-werden aktiviert werden können.
  3. Ersetzt gemeinsames Menschsein Selbstmitgefühl?
    Nein. Es ergänzt Selbstmitgefühl um die Dimension von Verbundenheit und lindert dadurch den Schmerz der Scham und der Isolation.
  4. Warum reicht das Wissen um Verbundenheit manchmal nicht aus?
    Weil Heilung verkörperte Verwandlung von schwierigen Emotionen braucht, nicht nur kognitive Einsicht.
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Christine Braehler

Dr. Christine Brähler ist Psychologische Psychotherapeutin, Selbstmitgefühlsexpertin, Dozentin und Autorin.