Selbstmitgefühl hat – nach Kristin Neff – drei Komponenten. Verständnisvoll anzuerkennen, dass du dich gerade schlecht fühlst, ist der erste Schritt des Selbstmitgefühls. Ein zweiter Schritt ist, weise und freundlich mit dir umzugehen, anstatt dich zu beschimpfen oder dein Leid zu übergehen. Du hast diese zwei Schritte wahrscheinlich schon häufig angewendet: Du hast innegehalten, um den Stress zu spüren, und dich dann liebevoll gefragt, was du gerade brauchst, um den Stress etwas zu lindern. Meist sind diese zwei Schritte allein schon sehr wirkungsvoll. (PS: Falls Du das lernen willst, sei beim nächsten MSC-Kurs im April dabei)
Wir übergehen dabei meist die dritte Komponente von Selbstmitgefühl: das gemeinsame Menschsein.
Was ist das eigentlich? Was sich abstrakt anhört, birgt ein riesiges Potenzial an Trost, Vertrauen und Verbundenheit, das ich dich einlade, anzuzapfen.
Gemeinsames Menschsein bezieht sich auf das Bewusstsein, dass leidvolle Momente zum menschlichen Leben dazugehören und dass uns das verbindet – egal, wie sehr wir es voreinander verstecken mögen. Kummer ist kein Kunstfehler, sondern Teil des Designs des Menschseins.
Jetzt könntest du zu Recht fragen:
„Was ist denn daran bitte tröstlich? Der Gedanke an das Leid anderer Menschen lenkt mich von mir ab, dabei wollte ich mich doch mal nur auf mich konzentrieren.”
Außerdem habe ich jetzt das Gefühl, dass ich übertreibe und mich nicht so haben sollte, denn meine Situation ist ja gar nicht so schlimm wie das Leid von so vielen anderen Menschen auf der Welt.“
Und genau jetzt steigen die meisten von uns logischerweise aus, denn es macht uns Schuldgefühle oder sogar wütend!
Wieso verstehen wir dieses gemeinsame Menschsein so leicht miss?
In der buddhistischen Lehre über Mitgefühl finden wir diesen Aspekt wieder: die Universalität des Leidens erkennen. Unser westlicher Geist hat es jedoch schwer mit diesen östlichen Lehren, denn wir neigen dazu, uns als voneinander getrennt und im Wettbewerb miteinander zu sehen – nicht universell in Wohlwollen verbunden. Wir empfinden andern gegenüber eher Neid, Mißtrauen und Angst.

Das führt dazu, dass wir Aussagen über geteiltes Leid durch unseren „Entweder-oder“-Filter hören: „Entweder dein Leid oder mein Leid verdient jetzt mehr Mitgefühl.“
Wir vergleichen die Größe des Leids und bewerten, wer Mitgefühl verdient hat, sodass es nur einen Gewinner und viele Verlierer gibt, die leer ausgehen. Verrückt, findest du nicht?
Die Universalität des Leidens ist lediglich ein Bewusstsein und beinhaltet keinerlei Bewertung oder Verdienstgrad. Es ist ein Anerkennen eines Fakts des Menschseins: dass unvermeidbares Leid wie Krankheit, Tod, Verlust und andere schwierige Emotionen zum Leben dazugehören und sich niemand davon freikaufen kann. Es gilt also, einen inklusiven „Sowohl-als-auch“-Filter aufzusetzen und das Ganze noch einmal neu zu hören.
Unser Vergleichen und Bewerten verschlimmern unsere schmerzhafte Isoliertheit noch mehr. Wenn du es derart missverstehst, zeigt sich darin oft eine tiefere Schicht von Minderwertigkeit, die sagt:
„Ich bin es nicht wert, Fürsorge und Mitgefühl zu bekommen. Ich habe es nicht verdient.“
Die Teile mit geringem Selbstwert sehnen sich danach, endlich liebevolle Aufmerksamkeit zu bekommen, und wollen diese selbstverständlich nicht mit anderen Menschen teilen. Wenn du diese Bedürfnisse erkennst und ihnen Verständnis schenkst, beruhigen sie sich.
Gemeinsames Menschsein ist
1. NICHT gleichmachend:
„Da jeder leidet, hast du kein Recht zu jammern und in deinem einzelnen Leid gesehen zu werden.“
2. NICHT vergleichend:
„Nur wer wirklich schlimm leidet, verdient Mitgefühl. Alle anderen verdienen keines.“
3. NICHT entwertend:
„Da es andere gibt, die mehr leiden, ist dein Leid nicht wichtig und kann ignoriert werden.“
4. NICHT unterwürfig:
„Da alle leiden, muss ich zu allen lieb und nett sein und allen alles vergeben.“
Gemeinsames Menschsein ist unter anderem ein Bewusstsein für:
- die Vergänglichkeit und Fragilität des menschlichen Körpers
- die Existenz von unvermeidbarem Leid im Leben wie Tod und Verlust
- die Unvorhersehbarkeit von Leid
- die Akzeptanz der Existenz von unverschuldetem Leid
- die Unvollkommenheit des Lebens durch Leid
- die Verbundenheit mit allen anderen Menschen in allen Aspekten des Menschseins, insbesondere im unvermeidbaren Leid.
Und diesem Bewußtsein entspringt möglicherweise eine neue Sichtweise oder gar Gefühl – ohne jegliches Moralisieren, sondern rein aus der weisen Perspektive, die sich uns mehr oder weniger erschlossen hat.
Gemeinsames Menschsein lädt uns also ein, gleich zwei neue Blickwinkel einzunehmen: ein Bewusstsein für unser Menschsein und ein Gefühl der Verbundenheit in unserem Menschsein.
Zentral dabei ist, dass wir unser Menschsein begreifen. Und schon wird es für den einen oder anderen wieder zu abstrakt.
Was bedeutet Menschsein eigentlich?
Es bedeutet zum einen, kein Tier zu sein, denn wir haben Sprache, Kunst, Kultur, Spiritualität, Imagination, Reflexion und noch vieles mehr, was uns klar unterscheidet.
Es bedeutet aber auch nicht, eine unbeseelte, intelligente Maschine zu sein – auch wenn einem im Alltag viele Personen so erscheinen mögen. Eine Gesellschaft, die Emotionen aus Unwissen abwertet und emotionsfreie kognitive Leistungsfähigkeit wertschätzt, fördert damit ein durchoptimiertes, maschinenähnliches Menschenbild anstelle eines menschlichen Menschenbildes.

Wenn wir Maschinen, die unfassbar schnell lernen und rechnen können, vermenschlichen und idealisieren, spiegelt uns das die eng gesteckten Werte der Leistungsgesellschaft wider, die einen Großteil des Menschseins ausgeklammert hat.
Spätestens wenn das Rechenzentrum einen Stromausfall hat und wir wieder auf uns gestellt sind, haben wir die Chance, all das einzigartig Menschliche an uns wiederzuentdecken. Was ist das? Liebe, Mitgefühl, Freude, Intuition, Imagination, Kreativität, körperliche Sinnlichkeit und Sexualität, Spiritualität, Ekstase, Ehrfurcht. Humor und noch viel mehr.
Wir laufen Gefahr, das einzigartig Menschliche zu verlieren, bevor wir uns dessen wirklich bewusst geworden sind und es voll entfaltet haben.
Mitgefühl entsteht aus dem Bewusstsein für Leid, das wiederum dadurch entsteht, dass wir in einem menschlichen Körper leben, der vergänglich ist. Freude entsteht aus dem unmittelbaren Erleben von Genuss über unsere Haut, Augen, Ohren, Mund und Nase. Liebe entsteht durch Wohlwollen für ein anderes Lebewesen sowie durch liebende Verbundenheit und Vereinigung mit einem Geliebten. Aus all diesen Erfahrungen in einem menschlichen Körper mit Herz und Seele formt sich tiefes Wissen und Weisheit.
Mit „menschlich“ meinen wir auch einen würdigen Umgang miteinander und tiefen Respekt für menschliches Leben.
Ein weiterer Grund, warum viele das Menschliche abwerten und Maschinenhaftes anstreben, ist die Intoleranz gegenüber Fehlern. Wir wollen perfekt sein und halten es schwer aus, Fehler zu machen, denn wir schämen uns dafür. Dabei sind Fehler oft der Ursprung neuer Entdeckungen. So entstand zum Beispiel Penicillin aus einer verschimmelten Petrischale, die Alexander Fleming vor den Sommerferien zu reinigen vergaß.

Was wäre, wenn es zwecklos wäre, zu versuchen, Fehler zu vermeiden, und stattdessen erstrebenswert, dein Selbstmitgefühl zu stärken? Dann könntest du dir selbst vergeben, wenn du einen Fehler machst, genau hinschauen, was dazu geführt hat, Verantwortung übernehmen und wirklich zu einem weiseren Menschen werden.
Dieser „Fehler“ lädt dich nicht ein, eine perfekte Maschine zu werden, die vergeblich versucht, nie wieder einen Fehler zu machen, sondern dich mit deinem Menschsein anzufreunden und darin zu wachsen. Dieses Bewusstsein für unsere menschliche Fehlbarkeit holt uns aus der Schamtrance heraus und bringt Empathie für uns selbst und für andere zurück. Wir können nachvollziehen, warum wir so gehandelt haben, und uns besser in uns selbst und in andere hineinversetzen. Und schon haben wir das unausgeschöpfte Potenzial kognitiver Empathie angezapft, das uns weiser werden lässt.
Gemeinsames Menschsein ist also ein Bewusstsein dafür,
• dass das Leben nicht perfekt und linear abläuft, egal wie sehr wir uns bemühen es zu kontrollieren.
• dass wir alle Leid und Freude erleben, auch wenn ich nie erfahren kann, wie es sich für dich anfühlt und umgekehrt.
• dass wir alle, diese universellen menschlichen Erfahrungen teilen und sie auf einzigartige Weise erleben.
• dass eine reife Verbundenheit in unserer Verletzlichkeit uns alle stärken kann.
• und dass wir uns trotz der Möglichkeit der Verbundenheit uns oft allein in unserem Leid fühlen.
Wenn du diese Mauer des Getrenntseins durchbrechen magst, dann denke jetzt an eine Person, von der Du gehört oder gelesen hast, die genau die gleiche Schwierigkeit durchlebt habt, die du gerade durchlebst. Spüre das „Ich, auch“ zwischen Euch und wie ihr in dieser Erfahrung verbunden seid. Es ist wie ein Schulterschluss, der dich spüren lässt, dass du weniger allein bist, als du es fühlst.
Manchmal reicht die Vorstellung nicht, um diese Mauer zu durchbrechen, da die Projektion, dass alle anderen perfekter sind und kein Leid erleben, so stark sein kann. Dann erfahre gemeinsames Menschsein unmittelbar in einem meiner Gruppenkurse – wie Mindful Self-Compassion (MSC), Scham Detox, Kraftvolles Selbstmitgefühl, Mitgefühl für Deine Anteile und mehr: denn gemeinsames Menschsein heilt unseren Schmerz des Getrenntseins und Nicht-Gut-Genug-Seins.