Warum wir unsere Macht an andere abgeben – und wie wir lernen, uns selbst zu führen
Kennst du das? Du willst etwas nicht, aber traust dich nicht, Nein zu sagen, aus Angst, dass der andere – sei es der Chef, dein Partner oder wer auch immer – dein Nein nicht respektiert und dich gar als „schwierig“ verurteilt. Du lässt es zu, obwohl alles in dir das nicht will, doch deine Angst vor der Reaktion des anderen entmächtigt dich. Das schafft Ohnmachtserleben. Warum fühlen wir uns dann so ausgeliefert? Der Grund ist, dass wir in so einem Moment der anderen Person die Macht über einen unserer Lebensbereiche abgetreten haben, ganz egal, ob die Person willentlich unsere Grenzen überschritten oder sie unwillentlich verletzt hat. Was können diese Lebensbereiche sein? Vielleicht sind es unser Körper, unsere Gesundheit, unsere Lebensenergie, unsere Zeit, unser Geld, unser Besitz, unser Selbstwert und vieles mehr.
Woran erkennst du, dass du deine Macht abgegeben hast?
Die Ohnmacht entsteht daraus, dass du als Erwachsener, der nicht mehr zum Überleben von Eltern abhängig ist, dich auf einmal wieder abhängig gemacht hast und der Teil in dir, der gerne selbst über dich bestimmen würde, sich dabei sehr unwohl fühlt. Ohnmacht ist neben Einsamkeit nachweislich eine der gesundheitsschädlichsten Emotionen. Wer in der Rangordnung ganz unten ist, sich also den dominanten, mächtigeren unterworfen hat, erlebt wesentlich mehr Stress, was die Gesundheit in Mitleidenschaft zieht.
Erforsche anhand der folgenden Fragen, ob du deine Macht unnötigerweise an andere abgegeben hast und ob dich das stresst:
- Welche Menschen lösen Ohnmacht in mir aus?
- Vor wem mache ich mich kleiner, als ich bin?
- Welche Wahrheit traue ich mich nicht auszusprechen?
- Wo hoffe ich noch immer auf Erlaubnis?
- Wo verrate ich mich selbst, um geliebt zu werden?
Wenn du in einem demokratischen Staat lebst, in dem du ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen darfst, was oder wer hindert dich daran, diese Macht für deine Lebensgestaltung zu nutzen? An wen hast du deine Macht abgegeben und von wem gilt es, sie zurückzuholen? Wer löst in dir Gefühle von Ohnmacht und Frustration aus? Vorausgesetzt, wir sind keiner unmittelbaren körperlichen Gewalt ausgesetzt und nicht mitten in der Genesung von einer Traumafolgestörung, ist es weise, über diese Fragen nachzudenken.
Die unsichtbare Suche nach Anerkennung
Wir entdecken in der Regel die folgenden entmachtenden Dynamiken in unserer Psyche: Wir haben unsere Macht an eine Person, eine Gruppe, eine Institution oder eine Kultur abgegeben, die wir auf ein Podest gestellt haben, oder uns von ihren Machtdemonstrationen blenden lassen. Wir machen uns klein, obwohl wir frei sind, in unserer ganzen Größe aufrechtzustehen und uns zu entfalten.
Es ist nicht unsere Schuld, dass wir Menschen solche entmachtenden Dynamiken in uns tragen. Es ist unter Homo sapiens sogar die Norm, denn unsere Dominanz-Unterwerfungs-Mentalität dominiert den Großteil unseres menschlichen Miteinanders: Jedes Mal, wenn wir einander vergleichen und einander einen Rang zuweisen, erschaffen wir soziale Hierarchien von Alphas und Betas und den Underdogs. Wenn ich jemanden besser als mich finde, dann kann ich ihn oder sie entweder abwerten oder idealisieren.
Kinder idealisieren ihre Eltern gezwungenermaßen, da sie von ihnen bis in die Pubertät auf allen Ebenen abhängig sind. Auch deine Nachbarn bekommen solche „beste Mama“- oder „bester Papa“-Karten! Es ist naive Idealisierung, die aufgrund von Abhängigkeit entsteht, und keine rationale, differenzierte Bewertung darstellt.
Als Erwachsene übertragen wir dieses Muster der Idealisierung oft auf dominante andere, wie Vorgesetzte oder Vorbilder, anstatt unsere Stärken und Schwächen selbst kennen und lieben zu lernen oder Verantwortung für unser Wohlergehen zu übernehmen. Vielleicht sehnt sich der unsichere Teil in uns nach Lob von einem Chef und arbeitet deshalb besonders hart, ohne Erfolg, und die Unsicherheit wächst. Vielleicht sehnt sich der ungeliebte Teil in uns danach, von den Eltern, dem Partner, den Kindern und Freunden geliebt zu werden, und verletzt dabei seine eigenen Grenzen, was zu wachsendem Groll führt. Vielleicht sehnt sich der beschämte Anteil in uns nach starker Führung und klarer Anleitung durch einen anderen und gibt dabei alle persönliche Macht und alles Selbstvertrauen auf, nur um zu vermeiden, dass wir etwas falsch machen könnten.
In der Kindheit sind wir auf die Zugehörigkeit zu unserer Familie und zur Gesellschaft angewiesen, um zu überleben, sodass es nicht unsere Schuld ist, dass wir ein Machtgefälle verinnerlicht haben. Erkenne das liebevoll an, in dem Wissen, dass es der großen Mehrheit – gerade Frauen oder Minderheiten– so geht wie dir und es nicht deine persönliche Schuld ist. Als Erwachsene können und müssen wir unsere persönliche Macht zurückgewinnen, wenn wir bewusster und selbstbestimmter aus unserem weisen und mitfühlenden Herzen leben wollen.
Was hindert dich innerlich daran, dich zu ermächtigen?
Vorausgesetzt, wir sind keiner unmittelbaren körperlichen Gewalt ausgesetzt und nicht mitten in der Genesung von einer Traumafolgestörung, kann es an der Zeit sein, diesen Fragen nachzugehen.
- Denke an eine Situation, in der dich jemand verletzt/betrogen/ausgebeutet hat und du dich nicht geschützt hast oder jemand anderweitig deine Grenzen überschreitet und du diese nicht gewahrt hast.
- Was in dir hielt dich davon ab, in dieser Situation dich selbst zu respektieren und für dich zu sorgen und führte somit dazu, dass du möglichen oder weiteren Schaden in Kauf nimmst?
Oft stecken alte Ängste dahinter, von anderen als „schwierig“, „kompliziert“, „übermäßig empfindlich“ oder gar „hysterisch“ gesehen zu werden, wenn wir das grundlegende Bedürfnis nach Respekt für unsere Grenzen und Würde zum Ausdruck bringen oder dementsprechend handeln. Diese innere, entwertende Stimme spricht uns unsere eigene Wahrnehmung ab und unterdrückt jegliche gesunde Impulse, uns zur Wehr zu setzen. Erkenne also diese invalidierende, entwertende Stimme oder den Teil in dir an, der dir deine Wahrnehmung von Grenzverletzung oder Unbehagen abspricht. Erkenne auch die Teile an, die dir Scham-und Schuldgefühle machen, wenn du nur daran denkst, für dich einzutreten. Diese sagen oft so etwas wie: „Das kannst du doch nicht machen! Was sollen denn die anderen über dich denken? Der wird dich dann aber als schlechten, bösen usw. Menschen sehen.“ Oder gar: „Dann ist der andere aber verletzt.“ Erkenne alle Anteile, die solche starken Ängste haben und dich damit führen, an. Tritt einen Schritt zurück und sage ihnen, dass du ihre Ängste verstehst.
Es erfordert – meiner mehr als 20-jährigen therapeutischen Erfahrung nach – fokussierte, mitgefühlsbasierte Anteile-Arbeit, wie Internal Family Systems (IFS) Therapy, um diese Teile langfristig zu entspannen. Dann ist der Weg frei zur Kraft deines weisen Herzens, das dich führt, um klar, bestimmt, weise und gelassen in solchen Situationen zu handeln.
Dem schuldgeplagten Anteil mag ich die Worte Schopenhauers mitgeben: „Keine Anteilnahme an einem anderen kann mich veranlassen, mich von ihm verletzen zu lassen.“ Das wäre sonst Idiotenmitgefühl – also Mitgefühl, dem die Weisheit fehlt – was dazu führen würde, dass dir geschadet wird. Wie naiv, dumm und gefährlich! Als Kindern sind wir naiv und als Erwachsene haben wir die Möglichkeit durch entmachtende Erfahrungen, aufzuwachen und weiser zu werden.
Gesunde Selbstermächtigung macht dich nicht hart, sondern klar und gelassen
Es gilt also, unsere persönliche Macht zu stärken, sodass wir weniger leicht entmachtet werden können. Mit Macht verbindet man in der Regel die negative Vorstellung von ungerechter Herrschaft über andere, aber sie kann auch unsere souveräne Macht über uns selbst beschreiben: die Macht, unser Leben und dessen Gestaltung zu bestimmen. In der Psychologie bezeichnet man dieses positive Gefühl von Selbstbestimmung als personal power.
Der Psychoanalytiker und Soziologe Erich Fromm schrieb 1941: „Macht hat zwei Bedeutungen. Es gibt die Macht über etwas: die Macht über die Natur und über andere Menschen. Es gibt aber auch die Macht zu etwas: die Macht oder die Kraft, zu denken, zu lieben, tief zu fühlen, zu erschaffen.“
#1 Vertraue deiner Wahrnehmung von deinem Unbehagen und deinen Grenzen, denn Grenzen sind subjektiv. Meist entdecken wir sie erst, wenn sie übertreten werden. Keiner kann dir deine Grenzen absprechen, da sie subjektiv sind und nicht nachvollziehbar, außer von dir.
#2 Spüre deine gesunde Wut und lausche ihrer weisen Botschaft für diese spezifische Situation. Was wäre das Weiseste, was du in dieser Situation tun kannst, damit es dir langfristig so gut wie möglich geht und du keinen (weiteren) Schaden nimmst? Du spürst dann eine sanfte Kraft und Klarheit, die nicht mit dumpfer Rache oder Aggressivität zu verwechseln ist.
#3 Hole diese Person innerlich vom Sockel, auf den du sie gestellt hast oder auf dem sie schon immer stand, und schaue, wie sie dir wirklich gesonnen ist, wenn ihr auf Augenhöhe steht. Hole dir die Macht zurück, indem du dich selbst führst in diesem Bereich – auch wenn es dem anderen nicht gefällt. Und was ist das Schlimmste, was passieren kann? Dass diejenigen, die davon profitiert haben, dass du dich entmachtet fühlst, dich zurückweisen oder dir nicht das geben, was du dir erhofft hattest. Kann dein Ego das verkraften? Harmonie ist was für Anfänger und spätestens jetzt bist du keiner mehr, sondern fortgeschritten. 😉
#4 Sieh dich ganz und schätze dich selbst wert: Lobe deine eigenen Leistungen; ergreife selbst die Initiative und tu das, was dich glücklich macht; liebe dein authentisches Selbst und erlaube dir, völlig ahnungslos den nächsten Schritt im Leben zu gehen und dabei zu scheitern, denn es gibt keine absolute Sicherheit, nur eine Illusion davon.
#5 Folge nicht mehr, sondern führe dich selbst: Kann dein Ego darauf vertrauen, dass dein weises und mitfühlendes Herz das alles im Griff hat, diese Anteile liebt und umsorgt und dich verlässlich führen kann? Können deine ängstlichen Anteile darauf vertrauen, dass du nicht allein sterben wirst, weil es da draußen Menschen gibt, die auch aus ihrem weisen und mitfühlenden Herzen leben und nicht daran interessiert sind, dich zu beherrschen, sondern sich an deinem authentischen Selbst erfreuen und genauso ahnungslos, aber fröhlicher und freier durchs Leben gehen?
Auf diesem Weg braucht es zweifelsohne Mut und Solidarität anderer, denn es aktiviert all unsere tiefsten Ängste vor Ablehnung und Bestrafung. Der Lohn ist es, dass wir ruhig, gelassen, selbstbewusst, mutig und weise werden und ein Vorbild von kraftvoller Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit für andere.
Ich habe ein Programm entwickelt, bei dem du in Buchform, im Audio-Kurs oder im 8-wöchigen Aufbaukurs teilnehmen kannst: Kraftvolles Selbstmitgefühl: Dich angesichts von Verletzung und Ungerechtigkeit selbst ermächtigen
Ich würde mich freuen, dich auf diesem Stück Weg zu mehr Selbstermächtigung zu begleiten.

