Wir alle wünschen uns Liebe. Doch was verstehen wir eigentlich darunter?
Manchmal sehnen wir uns nach einem Menschen, der uns bewundert. Manchmal möchten wir am liebsten jede freie Minute miteinander verbringen. Und manchmal halten wir besonders intensive Gefühle für den Beweis, dass wir die große Liebe gefunden haben.
All das kann wunderschön sein. Doch nicht alles, was sich nach Liebe anfühlt, trägt auch langfristig zu einer erfüllenden Beziehung bei.
Unsere Fähigkeit zu lieben kann sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln. Wir können lernen, uns selbst und andere Menschen zunehmend klarer zu sehen, Unterschiede auszuhalten und einander auch dann mit Wertschätzung zu begegnen, wenn wir nicht alle Erwartungen des anderen erfüllen.
Dazu lohnt es sich, fünf häufige Irrtümer über Liebe genauer anzuschauen.
Irrtum Nummer 1: Liebe bedeutet, den anderen zu bewundern
Wenn wir frisch verliebt sind, sehen wir den anderen häufig durch die rosarote Brille. Wir bewundern seine Eigenschaften, finden ihn außergewöhnlich und blenden manches aus, was uns später vielleicht stören wird.
Das ist ein ganz natürlicher Teil der Verliebtheit.
Schwierig wird es, wenn wir auf Dauer an diesem Idealbild festhalten. Denn früher oder später lernen wir den anderen als den Menschen kennen, der er tatsächlich ist: mit seinen Stärken, Schwächen, Ängsten, Bedürfnissen und Eigenheiten.
Dann stellt sich eine wichtige Frage: Kann ich diesen Menschen auch lieben, wenn er nicht mehr meinem Idealbild entspricht?
Reife Liebe bedeutet für mich nicht, jemanden auf ein Podest zu stellen. Sie bedeutet, einander auf Augenhöhe zu begegnen und sich in der eigenen Menschlichkeit und Fehlbarkeit wertzuschätzen.
Dabei lohnt sich auch ein Blick auf unsere eigene Rolle.
Vielleicht bewunderst du deinen Partner so sehr, dass du dich selbst daneben klein fühlst. Vielleicht fällt es dir leichter, ihn großartig zu finden, als dich mit deinen eigenen Stärken und deinem Wert zu beschäftigen.
Oder du bist die Person, die sich ständig Bewunderung wünscht. Vielleicht brauchst du immer wieder die Bestätigung, außergewöhnlich, begehrenswert oder besonders wichtig zu sein.
Hinter beiden Dynamiken können Unsicherheit und ein verletzlicher Selbstwert stehen.
Die Frage ist nicht nur: „Wie sehr bewundern wir einander?“, sondern auch: „Können wir uns beide als gleichwertige Menschen zeigen?“
Dafür brauchen wir die Fähigkeit, uns selbst mit einem freundlichen und realistischen Blick wahrzunehmen. Selbstmitgefühl und Selbstwertschätzung können uns dabei helfen, nicht ständig über oder unter dem anderen stehen zu müssen.
Irrtum Nummer 2: Liebe bedeutet, immer zusammen sein zu wollen
Gerade am Anfang einer Beziehung möchten wir oft möglichst viel Zeit miteinander verbringen. Wir genießen die Nähe und das Gefühl, miteinander verbunden zu sein.
Doch eine erfüllende Beziehung braucht nicht nur Nähe. Sie braucht auch Freiraum.
Ich stelle mir reife Liebe manchmal wie eine Lavalampe vor: Das Wachs verbindet sich, einzelne Formen lösen sich wieder voneinander und finden später erneut zusammen.
Auch in einer Partnerschaft dürfen wir uns nah sein und wieder mehr unseren eigenen Interessen, Freundschaften und Bedürfnissen zuwenden.
Verbundenheit bedeutet nicht, ständig zusammen sein zu müssen.
Damit wir dem anderen Freiraum geben können, brauchen wir ein gewisses Maß an innerer Sicherheit. Wir dürfen darauf vertrauen, dass die Verbindung bestehen bleibt, auch wenn unser Partner gerade nicht bei uns ist.
Wenn Trennung oder Distanz sofort große Angst auslösen, kann es hilfreich sein, neugierig hinzuschauen: Gibt es einen verletzlichen Teil in mir, der befürchtet, verlassen oder vergessen zu werden?
Vielleicht hat dieser Teil früher erlebt, dass wichtige Menschen nicht verlässlich verfügbar waren. Dann kann selbst eine ganz alltägliche Situation – etwa ein Abend, den der Partner allein verbringt – alte Ängste aktivieren.
Mit Selbstmitgefühl können wir lernen, uns diesen Ängsten zuzuwenden, statt sie ausschließlich dadurch beruhigen zu wollen, dass der andere ständig bei uns bleibt.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, berechtigte Sorgen über das tatsächliche Verhalten eines Partners zu ignorieren. Doch wenn unsere Beziehung verlässlich ist, dürfen wir lernen, Nähe und Eigenständigkeit miteinander zu verbinden.
Irrtum Nummer 3: Liebevolle Fürsorge bedeutet, für den anderen zu entscheiden
Wenn wir jemanden lieben, möchten wir, dass es diesem Menschen gut geht. Wir helfen, unterstützen und möchten Leid möglichst verhindern.
Doch Fürsorge kann unbemerkt in Kontrolle übergehen.
Vielleicht geben wir unserem Partner ständig Ratschläge, nehmen ihm Aufgaben ab oder versuchen, seine Entscheidungen zu beeinflussen. Wir meinen es gut – übersehen dabei aber möglicherweise, dass er ein eigenständiger Mensch mit eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten ist.
Manchmal geraten wir dadurch in eine Eltern-Kind-Dynamik: Einer weiß vermeintlich, was richtig ist, während der andere immer weniger Raum bekommt, selbst zu entscheiden.
Reife Fürsorge respektiert dagegen die Autonomie des anderen.
Eine einfache, aber wirkungsvolle Frage lautet:
„Was brauchst du gerade von mir?“
Vielleicht möchte dein Partner einen Rat. Vielleicht braucht er praktische Hilfe. Vielleicht möchte er aber auch nur, dass du zuhörst und ihm zutraust, seine eigene Lösung zu finden.
Kontrolle kann noch auf eine andere Weise entstehen: Wir erwarten vom Partner, dass er unseren eigenen Maßstäben entspricht.
Wenn ich mich selbst ständig dafür kritisiere, wie ich aussehe, was ich leiste oder wie ich mich verhalte, kann es passieren, dass ich diese strengen Erwartungen auch auf meinen Partner übertrage.
Dann versuche ich womöglich, an ihm das zu kontrollieren, was ich an mir selbst nicht akzeptieren kann.
Fürsorge fragt: „Was unterstützt dich?“ Kontrolle fragt: „Wie bringe ich dich dazu, meinen Vorstellungen zu entsprechen?“
Der Weg zu einer liebevolleren Beziehung führt deshalb auch über einen mitfühlenderen Umgang mit uns selbst.
Irrtum Nummer 4: Drama ist ein Zeichen großer Leidenschaft
Eine Beziehung voller Sehnsucht, Eifersucht, Unsicherheit und emotionaler Höhen und Tiefen kann sich unglaublich intensiv anfühlen.
Doch Intensität ist nicht automatisch ein Zeichen von Liebe.
Manchmal verwechseln wir das Auf und Ab der Gefühle mit Leidenschaft. Die Ungewissheit, ob der andere uns liebt, begehrt oder bei uns bleibt, kann eine enorme innere Aktivierung auslösen.
Das ist etwas anderes als die Leidenschaft, die auf einer sicheren und verlässlichen Verbindung wächst.
Reife Liebe muss nicht langweilig sein, nur weil sie sich sicher anfühlt.
Auch in einer langjährigen Partnerschaft können wir sexuelle Leidenschaft, Aufregung und intensive Freude erleben. Gleichzeitig darf darunter ein Fundament von Vertrauen und Geborgenheit bestehen.
Ein wichtiger Unterschied liegt darin, ob die Beziehung uns überwiegend erschöpft oder ob wir uns in ihr lebendig und zugleich sicher fühlen können.
Leidenschaft entsteht außerdem nicht nur dadurch, dass wir von einem anderen Menschen begehrt werden.
Sie kann auch aus unserem eigenen Leben wachsen.
Wofür brennt dein Herz? Welche Interessen, Werte oder Tätigkeiten erfüllen dich? Was lässt dich lebendig werden – unabhängig davon, ob du gerade in einer Beziehung bist?
Wenn wir unsere eigenen Leidenschaften pflegen, bringen wir mehr von uns selbst in eine Partnerschaft ein. Und wir müssen nicht erwarten, dass der andere allein dafür verantwortlich ist, unser Leben aufregend und erfüllend zu machen.
Irrtum Nummer 5: Romantische Liebe ist die wichtigste Quelle der Liebe
Wir richten unsere Aufmerksamkeit häufig so stark auf die romantische Liebe, dass andere Formen von Liebe beinahe in den Hintergrund geraten.
Gerade wenn wir Single sind oder uns in einer Beziehung nicht ausreichend geliebt fühlen, kann dadurch der Eindruck entstehen, dass uns etwas Entscheidendes fehlt.
Doch Liebe ist viel umfassender.
Wir können Liebe und Verbundenheit mit Freundinnen und Freunden, Familienmitgliedern, Nachbarn oder anderen Menschen erleben. Wir können uns einem Tier oder der Natur verbunden fühlen. Vielleicht berührt uns der Gesang eines Vogels, eine schöne Landschaft oder ein Moment tiefer Dankbarkeit.
Für manche Menschen gehört dazu auch eine spirituelle Erfahrung: das Gefühl, mit etwas Größerem verbunden, gehalten oder bedingungslos angenommen zu sein.
Und natürlich gibt es die Liebe zu uns selbst.
Je mehr Quellen der Liebe wir in unserem Leben wahrnehmen, desto weniger muss unser Partner unsere gesamte Sehnsucht nach Liebe und Verbundenheit erfüllen.
Das macht die romantische Liebe nicht weniger wertvoll. Im Gegenteil: Es kann sie entlasten.
Vielleicht möchtest du heute einmal ganz bewusst darauf achten, was du lieben kannst. Nicht, weil du ein bestimmtes Gefühl erzeugen musst, sondern weil du dein Herz für das öffnen darfst, was bereits da ist.
Reife Liebe beginnt auch in der Beziehung zu dir selbst
Diese fünf Irrtümer haben etwas gemeinsam: Oft erwarten wir von einem anderen Menschen, dass er uns etwas gibt, das auch in unserer Beziehung zu uns selbst wachsen darf.
Wir wünschen uns Bewunderung, weil wir unseren eigenen Wert noch nicht gut spüren können. Wir klammern uns an Nähe, weil sich Distanz bedrohlich anfühlt. Wir versuchen zu kontrollieren, weil wir Unsicherheit schwer aushalten. Oder wir hoffen, dass ein Partner unser ganzes Leben mit Liebe und Leidenschaft erfüllt.
Selbstmitgefühl kann uns helfen, diesen Mustern neugierig und ohne zusätzliche Selbstverurteilung zu begegnen.
Es geht nicht darum, niemanden mehr zu brauchen. Es geht darum, zunehmend eine liebevolle und verlässliche Beziehung zu uns selbst zu entwickeln – und dadurch freier zu werden, einen anderen Menschen wirklich zu sehen und zu lieben.
Reife Liebe lässt uns nicht weniger von uns selbst werden. Sie schafft Raum, damit beide Menschen in ihrer Eigenständigkeit und Verbundenheit wachsen können.
Mehr über Selbstliebe und reife Beziehungen
In meinem Buch „Lass die Liebe rein“ gehe ich ausführlicher darauf ein, wie unsere Beziehung zu uns selbst unsere Liebesbeziehungen beeinflusst. Du erfährst unter anderem, wie du mit Scham und Selbstkritik umgehen, Grenzen setzen, Konflikte konstruktiver gestalten und mehr Wertschätzung und Verbundenheit in deine Beziehung bringen kannst.
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Und wenn du dir die fünf Irrtümer lieber von mir erklären lassen möchtest, findest du hier das vollständige Video:
🎥 YouTube-Video „5 Irrtümer über Liebe“ ansehen