Viele Psychotherapeut:innen entdecken Selbstmitgefühl zunächst für sich selbst. Sie erleben, wie wohltuend und heilsam eine mitfühlendere Haltung sich selbst gegenüber sein kann und möchten diese Erfahrung auch ihren Klient:innen ermöglichen.
Doch irgendwann machen fast alle dieselbe Erfahrung.
Während manche Klient:innen erstaunlich gut auf Selbstmitgefühlsübungen ansprechen, wirken dieselben Übungen bei anderen kaum – oder sie lösen sogar Widerstand, Überforderung oder verstärkte Selbstkritik aus.
Dann stellt sich schnell die Frage:
„Ist diese Klientin vielleicht einfach noch nicht bereit für Selbstmitgefühl?“
Meiner Erfahrung nach liegt die Antwort meist woanders.
Selbstmitgefühl ist keine Technik, die bei allen Menschen gleich funktioniert. Wie jede psychotherapeutische Intervention entfaltet es seine Wirkung nur dann, wenn sie zum Menschen passt, der uns gegenübersitzt.
Bindungserfahrungen, Entwicklungstraumata, Mentalisierungsfähigkeit, das aktuelle Nervensystem und nicht zuletzt unsere therapeutische Beziehung spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Im Laufe vieler Jahre, in denen ich Psychotherapeut:innen in Selbstmitgefühl ausbilde, habe ich gemerkt, dass mir acht Fragen immer wieder helfen, Selbstmitgefühl individuell und wirksam in die Therapie zu integrieren.
1. Wobei genau soll Selbstmitgefühl dieser Klientin helfen?
Bevor ich darüber nachdenke, welche Übung ich einsetzen möchte, frage ich mich zunächst:
Wie passt Selbstmitgefühl überhaupt in mein Fallkonzept und den Behandlungsplan?
Selbstmitgefühl ist kein Selbstzweck.
Es kann Scham reduzieren, Emotionsregulation fördern, sichere Bindungserfahrungen ermöglichen oder Klient:innen helfen, einen liebevolleren Umgang mit verletzlichen Anteilen in sich zu entwickeln.
Entscheidend ist jedoch, dass ich weiß, weshalb ich es in diesem konkreten Fall einsetzen möchte.
2. Welche Bindungserfahrungen bringt die Klientin mit?
Für viele Menschen waren Fürsorge und Nähe nicht nur Quellen von Sicherheit, sondern auch von Schmerz.
Wenn Mitgefühl früher mit Kritik, Kontrolle, Vernachlässigung oder Missbrauch verbunden war, kann die Einladung, freundlich mit sich selbst umzugehen, genau diese alten Bindungswunden aktivieren.
Unsere Bindgungsvergangenheit bestimmt zum großen Teil unsere Mitgefühlsgegenwart.
Je besser ich deshalb die Bindungsgeschichte meiner Klientin verstehe, desto besser kann ich Selbstmitgefühl so gestalten, dass es Geborgenheit aktiviert statt Gefahr.
3. Wo hat diese Klientin bereits Mitgefühl erlebt?
Ebenso wichtig wie belastende Erfahrungen sind die Ausnahmen.
Gab es einen Großvater, eine Lehrerin, einen Freund, ein Haustier oder einen Ort in der Natur, an dem sich die Klientin angenommen und sicher gefühlt hat?
Diese Erfahrungen bilden oft die tragfähigste Grundlage für individuell abgestimmte Selbstmitgefühlsübungen.
4. Hat die Klientin bereits eine innere Vorlage für Mitgefühl?
Manche Menschen haben bereits mitfühlende Beziehungen erlebt.
Andere nicht.
Für sie kann unsere therapeutische Beziehung die erste Erfahrung sein, in der sie sich wirklich gesehen, verstanden und angenommen fühlen.
In solchen Momenten ist unsere Haltung oft wichtiger als jede Übung.
Mitgefühl wird zunächst erlebt, bevor es verinnerlicht werden kann.
5. Ist die Klientin bereits in der Lage, intrapsychisch mit Selbstmitgefühl zu arbeiten?
Viele Selbstmitgefühlsübungen setzen voraus, dass Menschen ihre inneren Erfahrungen beobachten und reflektieren können.
Doch nicht jede Klientin verfügt bereits über diese Fähigkeit.
Gerade nach frühen Traumatisierungen kann es hilfreicher sein, Mitgefühl zunächst konkret und sichtbar werden zu lassen – in der therapeutischen Beziehung oder im Hier und Jetzt. Lese dazu mein englisches Fachbuchkapitel für konkrete Anleitung.
Manchmal müssen wir Mitgefühl erst von jemandem empfangen und erfahren, bevor es im Inneren wachsen kann.
6. Wähle ich die Übungen, weil sie meiner Klientin helfen – oder weil sie mir geholfen haben?
Wir alle entwickeln im Laufe unserer therapeutischen Arbeit Lieblingsübungen.
Das ist ganz natürlich.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, innerlich flexibel zu bleiben.
Nicht jede Übung, die für mich selbst heilsam war, wird auch meiner Klientin helfen.
Selbstmitgefühl bedeutet auch für uns Therapeut:innen, neugierig zu bleiben und uns nicht an bestimmte Methoden zu klammern.
7. Was empfinde ich meiner Klientin und ihren Problemen gegenüber?
Vielleicht ist dies die wichtigste Frage überhaupt.
Bin ich der Klientin gegenüber offen, wohlwollend und präsent?
Oder bemerke ich, dass ich beginne zu kämpfen, etwas erreichen zu wollen, zu intellektualisieren oder mich hilflos, überfordert oder gereizt zu fühlen?
Solche Momente bedeuten nicht, dass wir schlechte Therapeut:innen sind.
Sie laden uns vielmehr ein, das zu tun, was wir auch unseren Klient:innen vermitteln möchten:
Mitfühlend mit uns umzugehen.
Unsere eigene Selbstmitgefühlspraxis ist deshalb kein Luxus, sondern eine wesentliche Grundlage unserer therapeutischen Arbeit.
8. Warum möchte ich Selbstmitgefühl überhaupt in diese Therapie einbringen?
Zum Schluss stelle ich mir noch eine Frage, die manchmal unbequem sein kann.
Warum möchte ich gerade jetzt mit dieser Klientin am Selbstmitgefühl arbeiten?
Gibt es vielleicht einen Anteil in mir, der sich wünscht, über die Arbeit mit der Klientin auch etwas Eigenes zu heilen?
Es geht dabei nicht um Schuld oder Selbstkritik.
Es geht um Ehrlichkeit.
Je besser wir unsere eigenen inneren Beweggründe kennen, desto freier können wir den Bedürfnissen unserer Klient:innen folgen, statt unbewusst unsere eigenen in die Therapie einzubringen.
Selbstmitgefühl ist mehr als eine Methode
Selbstmitgefühl erschöpft sich nicht in einer Sammlung von Übungen.
Es ist eine Haltung.
Eine Art, unseren Klient:innen zu begegnen – und letztlich auch uns selbst.
Deshalb geht es in der therapeutischen Arbeit nicht nur darum, wie wir Selbstmitgefühl vermitteln, sondern auch wann, warum und für wen eine bestimmte Intervention hilfreich ist.
Wenn wir Selbstmitgefühl auf diese Weise in unser Fallkonzept und Behandlungsplan integrieren, kann es zu einer tiefgreifenden Kraft für Heilung und Veränderung werden.
Möchtest du Selbstmitgefühl sicher und individuell in deine therapeutische Arbeit integrieren?
In meinem Online-Kurs „Selbstmitgefühl in der Psychotherapie“ zeige ich dir, wie du Selbstmitgefühl bindungs- und traumasensibel in unterschiedliche therapeutische Ansätze integrieren kannst.
Du lernst, Übungen individuell anzupassen, typische Stolpersteine zu erkennen und die mitfühlende therapeutische Präsenz zu entwickeln, die viele Klient:innen zunächst über unsere Beziehung erfahren, bevor sie sie sich selbst schenken können.
👉 Ich freue mich, wenn ich dich dabei begleiten darf. Mit Coupon Code CARE20 bekommst Du 20% Rabatt.
